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Kneipp-Verein Waldmünchen
Andrea Pawelka
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Für mich ist Pfarrer Sebastian Kneipp einer der großen Pioniere seiner Zeit. Warum? Weil er jeden Menschen in seiner Ganzheitlichkeit erkannte. Aus eigener Erfahrung und jahrelanger Beobachtung seiner Patienten bemerkte er, wie Leib und Seele in einem wechselseitigen Verhältnis miteinander verbunden sind. Diese Sicht war damals in medizinischen und kirchlichen Kreisen revolutionär, weil die Medizin sich nur um den Körper kümmerte und die Kirche um das Heil der unsterblichen Seele. Kneipp hingegen sah beides miteinander verbunden: „Erst als man den Zustand ihrer Seelen kannte und da Ordnung hineinbrachte, ging es mit den körperlichen Leiden auch besser.“
Als ich Kurseelsorger in Bad Wörishofen wurde, stelle sich mir eine zentrale Frage, auf die ich nirgendwo eine zufriedenstellende Antwort fand: Was meint Kneipp eigentlich mit „Ordnung in der Seele“? Zwar spricht er auch von einer Ordnung in der „Lebensführung“ – etwa „nicht die Nacht zum Tag machen“ oder „im Maß liegt die Ordnung, jedes Zuviel setzt an die Stelle der Gesundheit Krankheit“. Doch das ist ein anderes Thema, dort geht es um allgemeine „Lebensordnung“ – das, was wir heute als „Lifestyle“ oder „Work-Life-Balance“ bezeichnen würden.
Was aber meint Kneipp, wenn er von „Ordnung in der Seele“ spricht? Und wie kann die „Ordnung in der Seele“- quasi unseren „inneren Arzt“ aktivieren und unsere Selbstheilungskräfte stärken? Genau das herauszufinden hat mich gereizt und dazu inspiriert, das Buch zu schreiben „Der ,innere Arzt´ kann mehr als wir glauben. Kneipps Ordnungstherapie aus heutiger Sicht“.
Um eine Antwort darauf zu finden, möchte ich mit Ihnen einen Blick auf eines der spannendsten Forschungsfelder unserer Zeit werfen: die Epigenetik. 2003 gelang es Molekularbiologen, das menschliche Genom zu entschlüsseln – also unser gesamtes Erbgut in seine genetischen Bausteine zu zerlegen. Das war ein verheißungsvoller Schritt. Denn der jetzt mögliche Blick in das Erbgut macht auch Vorhersagen möglich über genetisch bedingte Krankheiten. Dahinter steckt die Überzeugung: Unsere Gene bestimmen unser Leben.
Doch dann machten Molekularbiologen und Biomediziner eine sensationelle Entdeckung: Wir sind unseren Genen gar nicht so ausgeliefert, wie bisher vermutet. Veranlagungen oder Anfälligkeiten für eine Menge von Krankheiten müssen nicht zwangsweise eintreten. Denn, so die bahnbrechende neue Erkenntnis: Unsere Gene lassen sich steuern!
Dafür zuständig ist ein sogenanntes Epigenom, das jetzt Wissenschaftler „neben“ (griech. epi) dem schon bekannten menschlichen Genom entdeckten und das auch dieser neuen Forschungsrichtung den Namen „Epigenetik“ gegeben hat. Dieses Epigenom bestimmt, welche Gene quasi eingeschaltet werden und welche nicht.
Heute wissen wir, dass viele Erkrankungen mit Veränderungen im Epigenom zusammenhängen, insbesondere Wohlstands- und Volkskrankheiten, Diabetes, Depressionen, viele andere psychische Leiden, auch manchen Krebsarten. Der Münchner Humanbiologe Heinrich Leonhardt sagte: „In jeder Krebszelle, die wir untersuchen, finden wir auch epigenetische Veränderungen.“ Zuerst dache man, diese epigenetischen Umbildungen seine eine Folge der Erkrankung, inzwischen weiß man, sie sind ihre Ursache.
Fest steht also: Wir haben ein Epigenom, das die Aktivität unserer Gene steuert, ohne die genetischen Erbanlagen zu verändern. Und fest steht auch: Dieses Epigenom kann von uns gestaltet, reguliert, verändert werden. Die spannende Frage ist nun: Wie steuern wir diesen Veränderungsprozess? Was können wir – was müssen wir tun, um den epigenetischen Schaltplan zu beeinflussen? Die Antwort ist überraschend: Bewegung, gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf, Stressvermeidung. Auch psychische Faktoren wie das Gefühl von Geborgenheit, Wertschätzung oder meditative Übungen spielen eine Rolle. Sogar unsere Gedanken, die positive oder negative Gefühle auslösen, hinterlassen Spuren im epigenetischen Code. Kurz um: Unser Lebensstil und unser psychisches Befinden – alles was wir tun, denken, fühlen, erleben hat eine Wirkung auf unsere Gesundheit.
Dann folgte für viele die wohl größte Überraschung: Auch Spiritualität, Gebet und Glaube beeinflussen unser Epigenom direkt – all das also, was wir unter Religiosität verstehen. Die Veranlagung und Fähigkeit zur Religiosität gehören zur natürlichen Grundausstattung des Menschseins und sind tief in unserer Seele verankert. Dieses sehnsüchtige Verlangen nach Halt und Geborgenheit in Gott, das Suchen nach einem letzten Sinngrund menschlichen Lebens, wie es auch in der Bibel thematisiert wird, auch das prägt unser Epigenom. Doch unabhängig von dieser epigenetischen Wirkung passiert noch etwas Tiefergreifenderes: Wenn wir diese Ursehnsucht der Seele zulassen, dann eröffnet sich in ihr eine religiös-spirituelle Wirklichkeit, die mit Worten weder fassbar noch erklärbar ist. Das ist ein Erleben von göttlicher Nähe, das nicht vom neuronalen Netzwerk unseres Gehirns verursacht wird und das auch nicht mit psychischen Funktionen verwechselt werden darf. Der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr brachte es treffend auf den Punkt: „Wir erleben mehr als wir begreifen.“
Göttliche Erfahrungen sind natürlich nicht auf katholische oder evangelische Traditionen beschränkt – auch Menschen anderer Religionen oder Weltanschauungen können auf ihre eigene Weise „glauben“ und „religiös sein“. Entscheidend ist, die eigene religiös-spirituelle Identität zu finden und zu leben.
Als Kurseelsorger durfte ich in unzähligen Gesprächen erleben, wie intensiv viele Menschen nach dieser religiös-spirituellen Identität suchen oder sie vertiefen möchten. Dabei wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, sie durch liturgische Rituale in besonderen Segnungsgottesdiensten oder durch eigens gestaltete Meditationsgottesdienste auf diesem Weg auch zu begleiten.
Wir sprechen heute viel von der „Ganzheitlichkeit“ des Menschen. Doch dabei vergessen wir oft, dass diese „Ganzheitlichkeit“ erst dann wirklich „ganz“ oder „komplett“ ist, wenn auch diese religiöse Erlebnistiefe der Seele mit einbezogen wird. Genau hier zeigt sich für mich die Pionierleistung Kneipps. Sein Wort von der „Ordnung in der Seele“ verlangt eine „wirklich“ ganzheitliche Sicht auf den Menschen. Damit hebt er einen Punkt hervor, den wir gerade heute trotz aller physischen, psychischen und sozialen Aspekte einer Ordnungstherapie nicht außer Acht lassen dürfen: die Offenheit auch für das Unerklärbare – das wir erleben, ohne es ganz zu begreifen. Heute fällt auf, wie viel Anstrengung oft darauf verwendet wird, unter dem Deckmantel von Wissenschaftlichkeit oder Neutralität die unsterbliche Seele loszuwerden oder sie auf bloße psychische Vorgänge zu reduzieren. Doch viele spüren inzwischen, dass da etwas Wesentliches fehlt.
Das heißt: Kneipps Ordnungstherapie ist nicht gleich Religion (auch wenn das gelegentlich so missverstanden wird) – doch so eine Ordnungstherapie ohne Offenheit für die religiös-spirituelle Erlebnistiefe der Seele, das wäre keine Ordnungstherapie.
Prof. Dr. Dr. Adalbert Keller, Katholischer Kurseelsorger in Bad Wörishofen